Irres Vigeland

Wer zum Teufel händigt einem offensichtlich Verrückten Hammer und Meißel aus? – Dieser Gedanke kam mir in den Sinn, als ich zum ersten Mal den Vigeland Skulpturenpark in Oslo betreten habe. Ich fühlte mich direkt an die Star Trek-Episode „Implosion in der Spirale“ erinnert, in der ein außerirdisches Virus die Crewmitglieder der Enterprise befällt. Im Laufe der Folge drehen alle irgendwie durch. Am schönsten finde ich, wie Lt. Riley sich im Maschinenraum einsperrt, „I’ll take you home again, Kathleen“ singt und darüber verfügt, dass jedes Crewmitglied ein Schälchen Eiscreme mit frischen Erdbeeren erhält … aber ich schweife schon wieder ab.

Die Figuren im Vigeland Park wirken jedenfalls ähnlich bizarr. Verantwortlich für den Irrsinn in Schmiedeeisen, Stein und Bronze ist Norwegens berühmtester Bildhauer Gustav Vigeland (11. April 1869 – 12. März 1943). Über Abnormitäten in Bezug auf seinen Geisteszustand ist immerhin bekannt, dass er während des Zweiten Weltkriegs gerne einmal die deutschen Besatzer-Offiziere zum Abendbrot bat. Anlehnungen an die figürliche Ästhetik des Dritten Reiches sind in seinem Werk ehrlicherweise auch kaum abzustreiten, so mancher will sogar den Nazi-Bildhauer Arno Breker als Vorbild für Vigeland wieder erkennen. Wenn es allerdings um den Ausdruck der Skulpturen im Vigeland-Park geht,  scheint es fast so, als hätte Gustav Vigeland eine Persiflage auf die martialische Kunst aus Nazi-Deutschland geschaffen. So ironisch und unkontrolliert kommen die Posen seiner Figuren daher – als hätten Monty Python ihre Hände mit im Spiel gehabt.

Der kleine Trotzkopf

Die Touristen belagern ja in Scharen dieses heulende Bronze-Baby mit dem unsympathischen Namen „Der kleine Trotzkopf“ (norwegisch: Sinnataggen). Jeder kennt Kinder wie den Trotzkopf aus dem Supermarkt, wenn sie sich zwischen Überraschungsei und Kaugummikugeln entscheiden sollen, aber beides haben wollen… da sucht der Einkäufer lieber schnell das Weite. Nicht so im Vigeland Park: Die Fingerchen vom Trotzkopf glänzen wie poliertes Gold, weil viele Weitgereiste seine Hand halten, während sie ein Foto mit ihm machen. Vermutlich hat irgend ein schlauer Mensch behauptet, dass das Glück bringen soll.

Viel lustiger als den Trotzkopf finde ich allerdings die Dame, auf deren Rücken zwei pausbackige Kinder reiten, und eine junge Frau, die sich die Haare zu raufen scheint.

Ein Lebenszyklus in vierzig Jahren

Insgesamt arbeitete Vigeland 40 Jahre im Frognerpark, wo seine Figuren heute den Vigeland Skulpturen-Park bilden. Angefangen hatte alles 1924 mit einem großen Springbrunnen, der von 20 Skulpturen umringt wird. Dort verschmelzen Menschenleiber und Baumkronen ineinander. Im Sockel bilden 60 Reliefs den Zyklus des Lebens nach, er bildet das Hauptmotiv im Vigeland Park.

Der Brunnen allein stellte den Künstler, der bekanntermaßen ein glühender Verehrer des französischen Bildhauers Auguste Rodin war, nicht zufrieden. Stattdessen legte er den Behörden immer wieder neue Pläne vor, in denen er Entwürfe für weitere Skulpturen vorstellte. Nach ausgiebiger Diskussion bekam er jedes Mal die Genehmigung, seine Entwürfe genau nach seinen Vorstellungen umzusetzen. Und so breitete sich der Kreis des Lebens schließlich immer weiter aus. Über 200 Skulpturen aus Eisen, Stein und Bronze bevölkern das 32 Hektar große Areal.

Ich kann nur jedem Oslo-Besucher empfehlen die Skulpturen einmal in Augenschein zu nehmen, weil sie, was die Posen betrifft, wirklich außergewöhnlich sind. Allerdings sollte man sich dem Künstler selbst kritisch nähern. Gustav Vigeland scheint eher von der unangenehmeren Sorte Mensch gewesen zu sein.

 

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